Im beschaulichen Magaluf trifft man sich immer zweimal. Mit etwas Glück sogar öfter. Und so überrascht es nicht, dass man inmitten der geschäftigen Hotellobby ein bekanntes Gesicht erblickt – selbst dann nicht, wenn es ein weltbekanntes ist.
Dass Siri Hustvedt an diesem Samstag auf dem ausladenden Sofa vor der Rezeption des Hotels Meliá sitzt und Small Talk führt, ist am Wochenende des FLEM-Festivals 2025 völlig normal. Und ebenso, dass sich in Magaluf alles um Literatur dreht – und nicht nur um Sonne, Strand und Partys, wofür diese Ecke Mallorcas einst bekannt geworden ist.
„Magaluf war eine der ersten Regionen auf Mallorca, in denen der Tourismus geboomt hat“, weiß Sofia Muntaner, Mitorganisatorin des Festivals. „Sol y playa“ lautete das Konzept der 70er-Jahre – also Sonne und Strand, und das am besten billig. Was der Region Calvià nicht immer zum Vorteil gereichte; weder für ihr Image, noch für ihre Bewohnerinnen und Bewohner. Denn die Hotelburgen, die für die vorwiegend britischen Touristen aus dem Boden gestampft wurden, sind alles andere als eine Zier. Ebenso wenig wie die internationalen Berichte über Britinnen und Briten, die sich auf Magaluf von ihrer schlechtesten Seite zeigten – und bei waghalsigen Sprüngen von Hotelbalkon zu Hotelbalkon mitunter sogar den Tod auf der Insel fanden.
Die Regierung der Region Calvià kämpft daher dafür, Magaluf aufzuwerten; weg vom Billigsektor, hin zu einem nachhaltigen, hochwertigen Tourismus, der der Schönheit und Vielfalt dieser Ecke Mallorcas gerecht wird. Denn eines ist klar: „Ohne Tourismus geht es nicht“, wie die stellvertretende Bürgermeisterin Elisa Montserrat sagt. Immerhin ist dieser nach wie vor der wichtigste Wirtschaftsfaktor für Calvià, ebenso wie für ganz Mallorca.
Dabei sind auch die Bewohnerinnen und Bewohner Adressaten dieser Politik; denn als gelernte Mallorquiner schlagen sie lieber einen Bogen um Zentren des Massentourismus, wie eben Magaluf. Mittlerweile lockt die Region aber auch Tagesausflügler an, dank eines breiten Sportangebots und einer beeindruckenden Naturlandschaft. Und auch mit Kultur, die man nur in dieser Ecke der Insel findet, will man punkten – wie dem FLEM-Festival, das heuer zum fünften Mal stattfindet. Ein Name, der für „Festival Literatura Expandida Magaluf“ steht.
Mutiger Spagat
FLEM soll den Besucherinnen und Besuchern eine andere Seite von Magaluf zeigen, ohne es dabei zu verleugnen. „Magaluf ist, was es ist“, sagt Miquel Ferrer, Betreiber des Buchladens „Rata Corner“ in Palma und Ideengeber für das Festival. Deshalb versucht man gar nicht erst, die Geschichte und Eigenheiten des Badeorts zu verleugnen. Stattdessen nimmt man sie mit einem Augenzwinkern hin: Wer will, kann sich im Rahmen des Festivals ein Tattoo stechen lassen – ganz in der Tradition jener Touristinnen und Touristen, die diese Entscheidung meist unter Alkoholeinfluss getroffen haben. Auch eine Wahrsagerin ist vor Ort, die einem die Zukunft voraussagen kann. Ein bisschen schräg darf es in Magaluf nämlich gerne sein. „Genau deshalb haben wir uns für diesen Austragungsort entschieden. Weil er anders ist – und weil er Spaß macht“, erklärt Ferrer.
Es ist dieser Spagat zwischen Hochkultur und Unterhaltungsfaktor, der Jahr für Jahr mehr Literaturfans nach Magaluf lockt – und auch immer mehr Autorinnen und Autoren. Wie Helen Fielding, die nach einem Spaziergang in Magaluf ein Foto postete. „Keine Snobs in Magaluf“, konstatierte sie – während das Bild ein T-Shirt mit eindeutiger Botschaft für die nächste Partynacht zeigt. Von Literatur im Elfenbeinturm haben eben nicht nur viele Leserinnen und Leser genug. Und beim FLEM gehört Feierlaune sogar zum Programm; denn neben Podiumsdiskussionen mit den Literatinnen und Literaten aus Spanien und aller Welt werden auch Konzerte, Podcasts oder Theaterperformances geboten. Besonders beliebt sind die „Secret Rooms“, die im Meliá-Hotel mit Kunstsinn und Humor gestaltet werden. Sie laden zum Erleben ein – und zu einmaligen Erinnerungsfotos.
Auf Augenhöhe
Welche Autorinnen und Autoren dieses Jahr von 1. bis 5. Oktober nach Magaluf kommen werden, ist derzeit noch ein gut gehütetes Geheimnis. Sicher ist jedoch: Literaturfans haben dort die Chance, sie persönlich zu treffen – wie eben Siri Hustvedt, die im Vorjahr in der Hotellobby zu einem Plausch aufgelegt war. Oder Megan Maxwell, die sich gerne beim Frühstück mit ihren Leserinnen und Lesern unterhielt.
„Ein Hotel schafft jede Menge spontane Kommunikation“, weiß Sofia Muntaner um den Wert der Location. Und es ermöglicht ein Festival auf Augenhöhe – für alle, die es erleben wollen, weshalb auch kein Eintritt verlangt wird. Dass die Anlage unmittelbar an der neu gestalteten Uferpromenade liegt, erlaubt den Besucherinnen und Besuchern, Magaluf in all seinen Facetten kennenzulernen. Die berühmt-berüchtigte „Neon Route“ mit ihren rund 40 Bars ist ebenso nahe wie der Calvià Beach, der unbestritten zu den schönsten Stränden Mallorcas zählt. Und auch Schutzgebiete wie die Illes Malgrats oder das Weltkulturerbe Serra de Tramuntana sind nur eine kurze Autofahrt entfernt.
„Literatur kann eben qualitätsvoll sein und unterhalten“, ist Ferrer überzeugt. Und sie kann helfen, eine neue Seite aufzuschlagen. Nicht nur für die Besucherinnen und Besucher, die auf diesem Teil Mallorcas einen ganz neuen Zugang zur Literaturwelt erleben können. Sondern auch für die Region Calvià, deren Ruf ihr schon längst nicht mehr gerecht wird.