Wojciech Grudziński dreht sich, die Arme seitlich ausgestreckt, immer schneller um die eigene Achse, bis er zu Boden stürzt und reglos liegen bleibt. Minutenlang. Während sein Tanzpartner unbeirrt weitertanzt.
„Ich arbeite nicht so sehr damit, zu benennen, was ich als Tänzer auf der Bühne mache. Für mich ist interessanter, was du als Zuschauer siehst“, entgegnet Grudziński, an seinem Kaffee nippend, als die Frage aufkommt, ob er dieser Szene im Stück eine bestimmte Bedeutung zuschreiben könne. Bewusst verzichtet der polnische Künstler darauf, seine Bewegungsabläufe zu definieren oder einzugrenzen – denn jede Zuschauerin und jeder Zuschauer sehe in seinen Performances etwas anderes, geprägt von individuellen vergangenen Erfahrungen. „Besonders im Kontext queerer Kultur“, - ein Thema, das den Tänzer schon länger in seinen Werken begleitet.
Ursprünglich kommt der Choreograf des queeren Stücks „CUTE & AWKWARD“ aus dem klassischen Tanz: Mit gerade einmal 10 Jahren begann Grudziński eine neunjährige Ballettausbildung, bevor er für das Studium des zeitgenössischen Tanzes an der Codarts University of the Arts nach Amsterdam zog. Gleich nach seinem Abschluss begann er, seine eigenen Produktionen zu entwickeln. Sein erstes Solo-Stück 2016 brachte schlussendlich den Stein ins Rollen – seither arbeitet er Schritt für Schritt an seinen Werken weiter, vorwiegend in Polen.
Tranceartige Stimmung
Bei der Impulstanz-Performance „CUTE & AWKWARD“ befinden wir uns im „Fantom“, der ersten schwulen Cruising-Bar im postkommunistischen Warschau der 90er-Jahre – einem Ort, an dem sich schwule Männer trafen, um anonym Kontakte und sexuelle Begegnungen zu suchen. Eine dumpfe, sich stetig wiederholende musikalische Untermalung erzeugt im Raum eine fast tranceartige Stimmung, in der das Tänzerpaar seinen Bewegungen Ausdruck verleiht. Durch den bewussten Wechsel von Hell und Dunkel entsteht das Gefühl, selbst mitten auf der Tanzfläche des „Fantoms“ zu stehen.
„Ich würde dieses Projekt gerne als Schwester meiner vorherigen Arbeit, Threesome, betrachten,“ so Grudziński über „CUTE & AWKWARD“. In „Threesome“ hatte er sich mit drei Biografien polnischer Balletttänzer aus der kommunistischen Ära auseinandergesetzt. Obwohl er in eine andere Zeit hineingeboren wurde, sieht Grudziński doch Parallelen zwischen sich selbst und den drei Ballettänzern. „Zwei von ihnen verließen Polen aus politischen Gründen“, erinnert er sich an deren Biografien. Auch er selbst entschied sich 2021 dazu, wieder in die Niederlande zurückzuziehen: „Natürlich war ich nicht gezwungen oder so, aber es war eine Zeit, in der in Polen noch eine rechtspopulistische Regierung an der Macht war.“ „Ich kann mich nicht mit diesen drei Personen vergleichen“, merkt er an, „aber ich wusste trotzdem, dass ein Umzug ins Ausland meine künstlerische Praxis in eine andere Richtung lenken würde.“Bei „CUTE & AWKWARD“ habe er nun nach einem neuen Zugang zu queerer Erinnerung gesucht - das habe ihn zur Idee des Fantom geführt, erzählt der Künstler. Er selbst sei nie dort gewesen, gerade das habe ihn gereizt, sich mit dem Ort auseinanderzusetzen.
Es wird Polonaise getanzt
Überraschenderweise wird im Fantom ausgerechnet Polonaise getanzt – ein Nationaltanz, den man an diesem Ort zunächst nicht erwarten würde. Im Dreiertakt und mit einer betont eleganten Selbstpräsentation bewegen sich Grudziński und Luca Lagomarsino durch den Raum. „Gemeinsam haben wir erforscht, wie wir uns diesem polnischen Volkstanz aus unserer eigenen Perspektive nähern können und die Polonaise in diesen imaginären Ort des Fantoms übertragen können“, erzählt der Choreograf. Indem er den Volkstanz in einen zeitgenössischen Kontext einbettet, wirft das Stück so neue Perspektiven auf Tradition.
Wichtig ist dem Impulstanz-Performer besonders der Austausch mit dem Publikum nach seinen Auftritten. Gerade weil seine Stücke viel Raum zur Interpretation offenlassen, seien die Ansichten und Spekulationen der Zuschauerinnen und Zuschauer so spannend für Grudziński: „Und genau das macht für mich die Schönheit dieser Arbeit aus: dass sie mit der Premiere nicht endet, sondern jedes Mal größer wird, wenn wir sie auf der Bühne zeigen und mit dem Publikum konfrontieren können.“